Espoir. Hope. Hoffnung. Binnenflüchtlinge in der anglophonen Krise

von Franklin Kamche

Mit einfachen Mitteln und qualifiziertem Personal arbeitet eine Vereinigung von Freiwilligen mit großem Erfolg daran, die psychopädagogische Betreuung und soziale Integration von Vertriebenen und Geflüchteten aus den englischsprachigen Regionen in Bafoussam (Bundesland West im französischsprachigen Kamerun) zu gewährleisten.

Beim Workshop entstehen Bilder voll von Melancholie und überwundener Verzweiflung (c) AcF

Das elementare Bedürfnis nach Sicherheit und Liebe und Anerkennung im Heimatland! Das ist die Botschaft einer besonderen Ausstellung von Gemälden, die jüngst von der kamerunischen Akademie für Ausbildung (Academie Camerounaise des Formations, Acf) in einem Hotel in Bafoussam organisiert wurde. Es handelte sich dabei um die Schuljahresabschluss-Feier für 40 intern vertriebenen Schüler:innen der anglophonen Krise, die von ACF betreut wurden. Rund um das Triptychon: „Woher komme ich /wo ich jetzt bin/wenn ich zurückkehre, werde ich verändert sein“, organisierte Acf mit Hilfe eines professionellen Malers vom Bahnhof Bandjoun und freiwilliger Literaturlehrer einen Workshop für Kinder, den sie in Bafoussam als „kostenlose Therapie“ bezeichnen. Es sind Workshops wie dieser, Momente der Freude, die den Kindern wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern und es allen ermöglichen, ihr Befinden auszudrücken.

38 Kunstwerke stehen nicht nur für 38 Flüchtlingsschicksale, sondern auch für 38 Augenpaare voller Hoffnung (c)AcF

Die 38 Bilder, die an diesem Tag entstanden sind, bringen die Melancholie ihrer Designer zum Ausdruck, aber auch die überwundene Verzweiflung von jungen Menschen, die eines Morgens unfreiwillig ihr Zuhause verlassen mussten und deren Zukunft verraten und verkauft schien. Hie und da sieht man auf den Kunstwerken die Spur eines fliegenden Flugzeugs, ein Zeichen dafür, dass der Malerlehrling möglichst weit weg möchte, weit weg von diesem Leid, das ihm der unselige Krieg auferlegt hat, ein Konflikt, den er nie wollte.

Beredte Gedichte

„Wir brauchen Frieden/Frieden in unserem Herzen/Frieden in unserer Nation/Frieden, Frieden, Frieden/Frieden in unserer Gemeinschaft/Frieden in unseren Familien/Frieden in unserer Gesellschaft/Frieden miteinander/Frieden, Frieden, Frieden/Wir brauchen Frieden“, schreibt l’a.
„Das einzige Versteck war das Haus, aber danach wurden Häuser in Brand gesteckt und es gab keine Möglichkeit mehr, sich im Haus zu verstecken, wir haben Angst, nach draußen zu gehen, wir haben Angst vor einer verirrten Kugel, wohin können wir gehen?“
„Wenn Militärs umgebracht werden/Wiederaufbaukämpfer jubeln/Wenn Wiederaufbaukämpfer umgebracht werden/Das Militär feiert/Wo ist die Liebe?/Wo ist sie?“, lesen wir aus der Feder dieser Kinder mit prädestinierten Vornamen: Kevin Noel, Destiny, Godheart…
„Als ich vor zwei Jahren in Bafoussam ankam, war ich sicher, dass alles vorbei war. Dank der Unterstützung, die ich bei AcF erhielt, lernte ich wieder zu leben. Ich danke unseren Betreuern für die vielen Opfer, die sie gebracht haben“, sagt Lenora als Dank. Alle spielen und lachen.

Psycho-pädagogische Betreuung

„Diese Kinder kamen zu uns unter Bedingungen, die schwer zu beschreiben sind. Einige waren mehrere Jahre lang vom schulischen Umfeld abgeschnitten, sie erlebten Grausamkeiten während ihrer Flucht in den Wäldern, es fehlte ihnen an Schulmaterial, sie hatten Hunger und diejenigen, die es schafften, wurden in den Gymnasien unter die normalen Schüler gemischt“, fasst Winifred Sikimoki zusammen, die als qualifizierte Lehrkraft Verantwortung für die Betreuung dieser Kinder übernommen hat. Sie ist selbst Binnenvertriebene und kam am Tag nach der Entführung des Fahrers der Schule, an der sie arbeitete, und der Zahlung eines Lösegelds von 700.000 CFA (das entspricht dem Jahresgehalt eines Lehrers) in Bafoussam an. „Die Amba-Boys haben mich gehen lassen, weil ich schwanger war. Ich war im 8. Monat schwanger. Daraufhin forderten sie mich auf, 500.000 CFA (etwa 750 €)  für Kriegsbeteiligung zu zahlen. Ich packte das Nötigste zusammen und ergriff die Flucht. Meine Familie erfuhr erst zwei Tage später, dass ich es nach Bafoussam geschafft hatte“, erzählt sie. Traumatisiert, aber in psychologischer Betreuung geschult, hat AcF ein Büro am Lycée Bilingue de Ndiangdam, in dem Mrs. Winifred jeden Mittwoch Schüler:innen in Not empfängt, die ihr von aufmerksamen Lehrkräften geschickt werden.

Bedrohung und Flucht ist Teil ihrer Geschichte: Für Winifred Sikimoki ist pädagogisches Zuhören der Schlüssel. (c)AcF

Mrs. Winifred wurde für diese Aufgabe entdeckt, während sie als Aushilfskraft eine junge Deutsch-Französin am Lycée Bilingue de Bafoussam unterrichtete. Die aufmerksame Schülerin erzählte ihrer Mutter, Heike Foaleng, einer engagierten Verwaltungsfachfrau und Sozialpädagogin mit deutscher Staatsangehörigkeit, von den außergewöhnlichen Methoden ihrer Lehrerin. So kam Mrs Winifred in Kontakt mit AcF.

„Wir heißen Kinder und Eltern willkommen, die auf der Suche nach pädagogischem Zuhören sind. Wir unterstützen das Lernen und die Ausbildung ganzheitlich. Wir beraten Jugendliche und Erwachsene bei ihrer beruflichen Orientierung“, erklärt Dr. Michel Foaleng, Professor und Geschäftsführer der Kameruner Akademie für Ausbildung (AcF). In diesem Sinne empfängt sein Verein im Stadtteil Famla, in der gleichen Straße wie das Bezirkskrankenhaus Mifi, hilfesuchende Menschen in Not. „Wir verteilen keine Spenden an die Öffentlichkeit“, präzisiert Heike Foaleng, die für die Verwaltung zuständig ist. „Nachdem wir ihr Vertrauen gewonnen haben, sprechen wir mit den Menschen, die zu uns kommen, um herauszufinden, was sie können und vor allem, wie entschlossen sie sind, wieder auf die Beine zu kommen. Erst dann wissen wir, was sie brauchen und ob wir helfen können. In Kamerun mögen die Menschen das, was wir teilen. Wir teilen transformatives Lernen“, fügt sie hinzu.

Wiedereingliederung

In Bafoussam angekommen „durch die Gnade Gottes“, wie Betroffene sagen, waren einige am Rande des Selbstmords. „Ursprünglich wollten wir den Kindern den Schulbesuch ermöglichen, aber auf dem Weg stellten wir fest, dass die schwierige Situation der Eltern das erste Problem war, das es zu lösen galt. Nach zwei Jahren der Betreuung fanden sich einige auf der Straße wieder, weil die Eltern nicht in der Lage waren, die Ausbildung ihrer Kinder zu gewährleisten“, erzählt Heike Foaleng. Mit der Unterstützung von Menschen guten Willens und Partnern in Übersee wie EspoirHope und Bon Secours, beides Vereine mit Sitz in Deutschland, hat Acf in den letzten Monaten mehr als 200 Vertriebene aus der anglophonen Krise aufgenommen, denen sie ein neues Leben ermöglicht. „Ihr seid in eurem Land. Ihr müsst lernen, dort zu leben“, werden die Schüler:innen regelmäßig ermahnt.

Mit diesem Anspruch und einem qualifizierten Freiwilligen-Team erzielt AcF eine starke Resonanz. „Ich wollte nicht nur jeden Tag nach Essbarem suchen. Ich wollte arbeiten, um nützlich zu sein und etwas zu verdienen“, erklärt Claudine Bessem, die mit acht Kindern aus der Region Südwest flüchtete und heute Wata-Fufu am Eingang der Metzgerei am Markt A verkauft. „Wenn wir unsere Kinder diesen Leuten anvertrauen, dann deshalb, weil sich AcF Kinder sichtbar zum Positiven verändern“, sagt Solange Fonye, eine geflüchtete Mutter unter dem Beifall der anwesenden Eltern.

„Raus aus der Abhängigkeit, arbeiten, um nützlich zu sein“ (c) AcF

Mit einer Anschubfinanzierung zwischen 50.000 und 80.000 CFA (75 bis 125 €) konnten Dank Acf 2021 etwa zwanzig Frauen wieder eine Existenz im Kleinhandel aufbauen. Außerdem finanziert AcF den Schulbesuch von etwa vierzig Kindern in der Stadt Bafoussam. Aber AcF leistet mehr, als man mit Geld erreichen kann. Das Team verhandelt mit den Schuldirektoren, damit die Kinder nicht von ihren Einrichtungen ausgeschlossen werden, wenn ihr derzeitiges Niveau nicht den Klassen entspricht, für die sie angemeldet sind. „Viele Geflüchtete glauben, dass ihre Kinder aufgrund ihres Alters und ihres Aussehens in der Schule keine Chance haben. Andere denken, dass Kinder die auf der Flucht verlorene Zeit nachholen müssten, indem sie Klassen überspringen. Dann findet sich zum Beispiel in Stufe 3 ein Kind, das F1 und F2 nicht besucht hat. Wir müssen die Anwälte der Kinder sein und den Eltern helfen, das System zu verstehen“.

(c) AcF

Die Zahl der durch AcF betreuten Kinder soll im nächsten Schuljahr auf 60 steigen. Am Hauptsitz von AcF gibt es eine Nähwerkstatt, in der gemeinsam gearbeitet wird. Divine, der Chefdesigner, dessen behelfsmäßig angemietete Unterkunft keinen Platz für eine Werkstatt bietet, nutzt die acht vorhandenen Nähmaschinen, um junge Frauen auszubilden, die bei den Tests Talent bewiesen haben. Viele, die durch die Flucht ihre ganze Ausrüstung verloren haben und im Moloch dieser Großstadt keinen Arbeitsplatz finden, kommen in die AcF-Werkstatt, um zu arbeiten. Um Kameruner zu bleiben. „Über diese Wiedereingliederung hinaus haben wir ihnen das Gefühl zurückgegeben, dass sie in ihrem Land sind. Sie sind für ihr Land zurück gewonnene Bürger“, fasst Michel Foaleng zusammen.

Zusammengestellt und übersetzt von Johannes Stahl

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